Herkunft

Texte: © Susanne Zitzl
Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von ASS, Altenburg

Woher kommen die Kipperkarten? Wer hat sie erfunden oder von wem stammen sie ab? Wie alt sind sie? Der geschichtliche Hintergrund dieser Karten scheint noch weniger bekannt zu sein als bei den Tarotkarten. Gibt es bei den Tarotkarten zumindest hin und wieder einen „Verdacht“, weil sie beispielsweise in geschichtlichen Ereignissen vorkommen und es in den letzten zweihundert Jahren zahlreiche Tarotforscher gab,liegt die Entstehung der Kipper-Karten komplett im Dunkeln. Und wie bei allen anderen Kartenorakeln haben sich um die Kipperkarten zahlreiche Legenden und Anekdoten gebildet, was ihre Erfindung und Überlieferung angeht, so manche Spekulationen über die Herkunft der Karten geben Anlass zum Staunen und zum Schmunzeln: So soll es beispielsweise die Zigeuner gewesen sein, die die Kipperkarten geschaffen oder zumindest verbreitet haben sollen. Selbst in Indien wurde bereits der Ursprung dieser Karten vermutet – vielleicht haben die Zwiebeltürme an die Kuppel des Taj Mahals erinnert? 😉  Und so mancher „Kenner“ datiert die Entstehung dieser Karten gar ins 17. Jahrhundert zurück. Doch diese im Biedermeierstil gestalteten und von Seßhaftigkeit geprägten Karten haben überhaupt nichts an sich, was an das fahrende Volk erinnern könnte, geschweige denn an Südasien des letzten oder vorletzten Jahrhunderts. Es ist auch nicht viel Geschichtswissen erforderlich, um sich zu vergegenwärtigen, dass es im 17. Jahrhundert weder Papier noch Buchdruck gab und Lebensverhältnisse ganz andere waren als auf den Kipper-Karten dargestellt.

Schlagen wir im Lexikon unter „Kipper“ nach, erhalten wir leider auch nicht viel Informationen – höchstens Material, das noch mehr Anlass für Spekulationen gibt: „Kipper und Wipper“ waren im 17. Jahrhundert Edelmetallaufkäufer, die betrügerische Methoden verwendeten (durch das „Kippen und Wippen“ der Waage). Die ersten Jahre des Dreißigjährigen Krieges werden auch als „Kipper- und Wipperzeit“ bezeichnet; in dieser Zeit herrschte große Geld- und Silberknappheit, was die Landesherren veranlasste, das vollwertige Hartgeld einzuschmelzen und mit Kupferzusatz auszuprägen. Diese Münzen wurden „Kippermünzen“ genannt. Es ist also möglich, dass das Legen von Kipperkarten mit denn Kippern und Wippern in Verbindung gebracht wurde und die Karten deshalb ihren Namen bekamen.

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Diversen, bislang noch unbekannten Quellen zufolge könnten die Kipper-Karten jedoch von einer Frau namens Susanne Kipper entworfen worden sein. Auch soll die erste Auflage des Kartendecks aus dem Jahre 1873 die bei dem „Kartenmacher Kipper“ erschienen sein. Doch diese Theorien sind alle sehr zweifelhaft. Ein „Kartenmacher“ ist vergleichbar mit dem heutigen Verleger und hat im Prinzip mit der Schöpferin der Karten nichts gemein. Von der vermeintlichen Erfinderin Kipper wiederum heißt es, dass sie ursprünglich aus Berlin gestammt haben soll, aber teilweise auch in München gelebt haben, wo sie auch die Kipperkarten entworfen haben. Des Weiteren soll sie sehr bekannt gewesen sein und in ganz Deutschland gereist sein. Doch diese Vermutung ist äußerst unwahrscheinlich: In einer Zeit, in der das Reisen nur mit der Postkutsche und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18 km/h möglich war, darüber hinaus als „äußerst krank machend“ galt und nur im Notfall angeraten wurde und Frauen nicht alleine unterwegs waren, ist es eher unwahrscheinlich, dass besagte Frau Kipper einen Lebensstil pflegte, der unserem  Jahrhundert entsprach.

Nachgewiesen  ist nur so gut wie eines, nämlich dass die Karten um 1871 herum aufgelegt wurden – möglicherweise zum allerersten Mal. Das lässt jedoch keine Rückschlüsse auf die wahre Entstehung zu, denn wir kennen nicht die Zeitspanne, die zwischen Entstehung und Druck lag. Die Illustrationen auf den Karten sprechen vielmehr dafür, dass die Karten etwas früher entstanden sind – etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch scheint es so, dass Frau Kipper von der Umgebung Münchens bei der Gestaltung der Karten inspiriert wurde: Auf den Karten sind die Alpen sowie die Zwiebeltürme der bayerischen Kirchen zu sehen. Des Weiteren lassen Karten wie „Die Reise“ oder „Militärperson“ den Rückschluss zu, dass die Karten höchstwahrscheinlich in Bayern bzw. Österreich entstanden sind.

Vermutet wird zum Teil auch, dass sich die Schöpferin der Kipper-Karten durch die Lenormandkarten inspirieren ließ und eigens ein deutsches Kartendeck schaffen wollte. Auch diese Theorie ist für mich mittlerweile nicht mehr so sicher, denn die Kipper-Karten sind zu sehr durch die Epoche des Biedermeiers geprägt. Zwar gibt es Karten die sich hier ähneln, wie z.B. „das Haus“ oder „der Brief“, aber im Großen und Ganzen spiegeln die Kipper-Karten andere Alltagssymbole als die Lenormandkarten.

Ich bin im Besitz eines älteren Kipper-Kartendecks, dessen Schachtel die Aufschrift „Karten der berühmten Wahrsagerin Frau Kipper“ enthalten (siehe Abbildung weiter oben). Leider ist auf diesen Karten kein Veröffentlichungsjahr angegeben, jedoch dem Zustand und dem Preisschild auf der Verpackung dürften die Karten etwa aus dem 1950er oder 1960er Jahree stammen. Aus anderen Quellen weiß ich, dass es im Jahre 1900 und 1910 zu (Neu-)Auflagen mit dieser Verpackung durch den Schreibwarenhändler Matthias Seidlein aus München gekommen sein soll.

Somit ist auch unklar, wann auch der Name Susanne Kipper auf den Karten verschwunden ist (wahrscheinlich erst irgendwann in den letzten Jahrzehnten), und es bleibt uns also nichts anderes übrig, uns auf die spärlich überlieferten Informationen zu stützen. Etwa im Jahre 1920 sollen die Kipper-Karten in den Besitz der Firma F.X. Schmid übergegangen sein, die dann als langjähriger Verleger dieser Karten fungierte.