Tarot

Lebens(t)räume

Seit einigen Tagen ist mein Online-Orakel verfügbar. Dabei ist sicherlich manchen aufgefallen, dass ich mir die künstlerische Freiheit genommen habe, das klassische Kipper-Deck um neun weitere Karten zu ergänzen. Es handelt sich dabei um folgende Karten:

Nr. 37 Wald
Nr. 38 Sternenhimmel
Nr. 39 Vormärz
Nr. 40 Wegweiser
Nr. 41 Enge Gasse
Nr. 42 Marktplatz
Nr. 43 Spieltisch
Nr. 44 Orangerie
Nr. 45 Studierzimmer

Wie kam es zu den zusätzlichen Kipperkarten?

Die Kipperkarten entstanden in einer Epoche, die stark vom Rückzug ins Private geprägt war. Politische Zensur und Restauration sowie die vorausgegangenen Napoleonischen Kriege, die Europa über viele Jahre erschüttert hatten, führten bei weiten Teilen der Bevölkerung zu einer Sehnsucht nach einer friedlichen und geordneten Welt. Harmonie, häusliches Glück, Familie und Stabilität gewannen deshalb einen besonders hohen Stellenwert.

Es verwundert daher nicht, dass auch die Kipperkarten selbst ausgesprochen schlicht und bodenständig gestaltet sind. Sie enthalten zahlreiche Personenkarten, und auch ihre Bildmotive lassen erkennen, dass sich ein Großteil des Lebens im häuslichen Umfeld abspielte. Bis auf jene Karten, die die Obrigkeit oder staatliche Institutionen darstellen – Nr. 22 Militärperson, Nr. 23 Gericht, Nr. 29 Gefängnis und Nr. 30 Gerichtsperson –, beschäftigen sie sich überwiegend mit den angenehmen und weniger angenehmen Begebenheiten des täglichen Lebens.

Auch das Wohnzimmer besitzt eine eigene Karte. Das ist kein Zufall, denn gerade das Wohnzimmer entwickelte sich in der Biedermeierzeit zu einem wichtigen Mittelpunkt des bürgerlichen Familienlebens. Man kann daher sagen, dass sich die Bildsprache der Kipperkarten bewusst auf konkrete Situationen beschränkt, die sich innerhalb des Hauses oder in dessen unmittelbarer Umgebung ereignen.

Unsere Welt hat sich jedoch seitdem grundlegend verändert. Wir leben heute in einer anderen Zeit, sind anders vernetzt und begegnen neuen Herausforderungen. Deshalb war es mir ein Anliegen, das ursprüngliche Kipper-Deck behutsam zu ergänzen, ohne ihm seinen historischen Charakter und seinen besonderen Charme zu nehmen.

Ich wollte die Kipperkarten nicht modernisieren. Mein Ziel war vielmehr, sie so behutsam zu erweitern, wie sie vielleicht selbst ausgesehen hätten, wenn ihre ursprünglichen Schöpfer fünf oder zehn weitere Karten entworfen hätten. Aus diesem Grund finden sich unter den Zusatzkarten weder abstrakte Begriffe noch moderne Schlagworte. Stattdessen habe ich ausschließlich Motive gewählt, die ebenso gut in die Biedermeierzeit gepasst hätten und den ursprünglichen Charakter der Kipperkarten bewahren. Lediglich der Blickwinkel erweitert sich ein wenig: Nicht nur das Innere des Hauses, sondern auch das nähere Umfeld des Menschen rückt stärker in den Mittelpunkt.

Jede dieser neun Karten erweitert den ursprünglichen Lebensraum der Kipperkarten ein kleines Stück – jedoch ohne die Biedermeierzeit zu verlassen.

Genau deshalb beginnt die Reise nicht mit einer modernen Szene, sondern mit etwas, das den Menschen damals ebenso vertraut war wie heute:

Kipperkarte Nr. 37 Wald

Auch wenn die Familie als höchstes Gut galt, spielte auch die Natur eine wichtige Rolle als Ort der Erholung und des Rückzugs. Auf den ursprünglichen 36 Kipperkarten „grünt“ es zwar an vielen Stellen, doch eine eigene Waldkarte existiert nicht.

Während die Romantik den Wald oft als geheimnisvollen und beinahe mystischen Ort darstellte, betrachtete das Biedermeier die Natur eher als harmonischen Lebensraum, der Ruhe, Ordnung und Geborgenheit ausstrahlte. Spaziergänge gehörten zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen des Bürgertums, und der Wald galt als Ort der Muße, der inneren Einkehr und der Erholung. Maler wie Carl Spitzweg oder Ferdinand Georg Waldmüller hielten diese Stimmung in zahlreichen Gemälden fest.

Die Karte „Wald“ greift genau diesen Gedanken auf. Sie steht für Naturverbundenheit, Rückzug, Erholung und die Besinnung auf das Wesentliche. Manchmal lädt sie auch dazu ein, dem Trubel des Alltags für eine Weile zu entfliehen, um in der Stille neue Kraft und Klarheit zu finden.

Kipperkarte Nr. 38 Sternenhimmel

Bereits in der Biedermeierzeit galt die Astrologie in wissenschaftlichen Kreisen weitgehend als überholt und wurde häufig dem Aberglauben zugerechnet. Astrologie und Astronomie hatten ihre jahrhundertelange Einheit längst verloren. Dennoch blieb in der breiten Bevölkerung das Interesse an der Sterndeutung erhalten. Volkskalender und Bauernpraktiken sorgten dafür, dass astrologisches Wissen zumindest in seinen Grundzügen weitergegeben wurde.

Der Sternenhimmel war deshalb weit mehr als nur ein schönes Naturschauspiel. Während die Sterne früher häufig zur Beratung von Herrschern herangezogen wurden, richtete sich der Blick nun stärker auf den einzelnen Menschen. Die Betrachtung des nächtlichen Himmels wurde zu einem Ausdruck persönlicher Sinnsuche und der Frage nach dem eigenen Platz im großen Ganzen.

Die Karte „Sternenhimmel“ steht deshalb nicht nur für Astrologie. Sie symbolisiert Inspiration, Weitblick, Vertrauen in eine höhere Ordnung und die Fähigkeit, das Leben aus einer übergeordneten Perspektive zu betrachten. Manchmal hilft sie dabei, Zusammenhänge zu erkennen, die im Alltag verborgen bleiben, und Situationen aus einem völlig neuen Blickwinkel zu verstehen.

Kipperkarte Nr. 39 Vormärz

Fast jeder verbindet die Biedermeierzeit mit Häuslichkeit, Spitzweg und gemütlichen Wohnzimmern. Tatsächlich prägten Rückzug ins Private, Familie und Harmonie diese Epoche. Doch gleichzeitig entstand eine zweite Strömung, die nicht unbeachtet bleiben sollte: der sogenannte Vormärz.

Neben dem konservativen Bürgertum, das auf politische Zensur und Repression mit Rückzug und Häuslichkeit reagierte, entwickelte sich eine Bewegung kritischer Intellektueller und Schriftsteller, die sich für Freiheit, Bürgerrechte und einen demokratischen Nationalstaat einsetzte. Die Vertreter des Vormärz forderten Meinungs- und Pressefreiheit, ein Ende der sozialen Ungerechtigkeit (hervorgerufen durch die Industrialisierung) sowie eine politische Mitbestimmung der Bürger. Sie wandten sich gegen Zensur und Willkürherrschaft und bereiteten damit geistig den Boden für die Revolution von 1848. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Epoche zählt unter anderem Heinrich Heine.

In den klassischen Kipperkarten spiegelt sich diese gesellschaftliche Entwicklung kaum wider. Dennoch erschien es mir wichtig, auch diese Seite der Biedermeierzeit zu berücksichtigen. Deshalb habe ich den historischen Begriff „Vormärz“ bewusst als Kartenbezeichnung gewählt – auch wenn er heute nicht jedem geläufig sein dürfte.

Die Karte „Vormärz“ steht für Aufbruch, Erneuerung und den Mut, über bestehende Grenzen hinauszudenken. Sie kündigt Veränderungen an, ohne den eigentlichen Umbruch bereits darzustellen. Neue Ideen entstehen, alte Strukturen geraten langsam ins Wanken, und erste Anzeichen einer kommenden Entwicklung werden sichtbar.

Kipperkarte Nr. 40 Wegweiser

Das Thema Aufbruch begegnet uns bereits in den klassischen Kipperkarten. So steht die Karte Nr. 10 „Eine Reise“ für das Unterwegssein oder eine bevorstehende Veränderung. Nr. 23 „Gericht“ thematisiert eine wichtige Entscheidung, während Nr. 35 „Ein langer Weg“ darauf hinweist, dass eine Angelegenheit mehr Zeit, Geduld und Vorbereitung erfordert als zunächst angenommen. Was mir jedoch fehlte, war eine Karte, die den Moment beschreibt, bevor wir uns auf den Weg machen – den Augenblick der Orientierung. Eine Karte, die erkennen lässt, dass mehrere Möglichkeiten offenstehen oder dass ein neuer Weg sichtbar wird, den wir zuvor vielleicht übersehen haben.

So entstand die Karte Nr. 40 „Wegweiser“. Sie steht für Orientierung, Entscheidungsfreiheit und neue Perspektiven. Manchmal weist sie auf einen Richtungswechsel hin, manchmal bestätigt sie den bereits eingeschlagenen Weg. Ebenso kann sie anzeigen, dass sich eine Situation allmählich klärt und der weitere Weg vor uns immer deutlicher erkennbar wird.

Kipperkarte Nr. 41 Enge Gasse

Vielleicht darf ich es tatsächlich als Eingebung verstehen: Als ich mit meinem Hund spazieren ging und über mögliche Ergänzungen für die Kipperkarten nachdachte, erschien mir plötzlich das Bild einer engen Gasse. Vor meinem geistigen Auge sah ich schlichte, sauber wirkende, dicht aneinandergebaute Häuser und die schmalen Gassen, die sich zwischen ihnen hindurchzogen.

Meine anschließende Recherche bestätigte diesen Eindruck. Die Städte der Biedermeierzeit beruhten vielerorts noch auf mittelalterlichen Grundrissen. Enge Gassen gehörten deshalb ganz selbstverständlich zum Stadtbild. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Städte umfassend umgestaltet und verbreitert.

Das Leben in diesen Gassen war lebendig und bildete einen interessanten Kontrast zur oft beschworenen Beschaulichkeit des Biedermeiers. Schon früh am Morgen herrschte reges Treiben. Pferdefuhrwerke rumpelten über das holprige Pflaster, Händler priesen lautstark ihre Waren an, und viele Menschen verlegten einen Teil ihres Alltags direkt vor die Haustür. Frauen strickten oder wuschen Wäsche, Schuster, Schneider und andere Handwerker arbeiteten vor ihren Häusern oder an geöffneten Fenstern. Die Gasse war gewissermaßen eine Erweiterung des Wohnzimmers.

Doch sie hatte auch ihre Schattenseiten. Offene Rinnen führten Regen- und Abwasser, das häufig unangenehm roch. In den Hinterhöfen wurde Vieh gehalten, Kutschen mussten sich durch die schmalen Durchfahrten zwängen, und wegen der dichten Bebauung gelangte nur wenig Sonnenlicht zwischen die Häuser.

Die Karte „Enge Gasse“ steht deshalb für Situationen, in denen unser Handlungsspielraum vorübergehend eingeschränkt ist. Manchmal fühlen wir uns eingeengt oder haben das Gefühl, dass andere uns zu nahe kommen. Sie beschreibt aber ebenso Vertrautheit, Alltag und gewohnte Strukturen, aus denen wir nicht ohne Weiteres ausbrechen können. Gleichzeitig erinnert sie daran, dass jede enge Gasse auch einen Ausgang besitzt. Die Einschränkung ist meist nur vorübergehend – und am Ende wartet oft ein neuer Weg.

Kipperkarte Nr. 42 Marktplatz

Obwohl sich die Menschen während der Biedermeierzeit aufgrund der strengen politischen Zensur des Metternichschen Systems zunehmend ins Private zurückzogen, blieb der Marktplatz das lebendige Zentrum des öffentlichen Alltags. Hier wurden Lebensmittel und Waren gehandelt, Neuigkeiten ausgetauscht und Kontakte gepflegt. Große politische Kundgebungen fanden dort kaum statt – dafür steht in meinem Deck die Karte Nr. 39 „Vormärz“.

Die klassische Kipperkarte Nr. 34 „Arbeit/Beschäftigung“ beschreibt den Beruf und die tägliche Arbeit. Auch Nr. 30 „Gerichtsperson“ kann auf beratende oder amtliche Berufe hinweisen. Die Karte „Marktplatz“ hingegen steht für Handel, Kauf und Verkauf, geschäftlichen Austausch sowie für Begegnungen in der Öffentlichkeit.

Während uns die Nr. 7 „Angenehmer Brief“ meist persönliche oder private Nachrichten überbringt, verweist der „Marktplatz“ auf öffentliche Informationen, Gerüchte oder Neuigkeiten, die viele Menschen betreffen. Gleichzeitig kann die Karte auf neue Kontakte, geschäftliche Möglichkeiten oder ein aktives gesellschaftliches Leben hinweisen.

Kipperkarte Nr. 43 Spieltisch

Auch die Spiel- und Wirtshauskultur der Biedermeierzeit gehört zum damaligen Alltag. Geselligkeit fand nicht nur im eigenen Wohnzimmer, sondern ebenso in Gasthäusern, Kaffeehäusern und Weinstuben statt. Diese entwickelten sich zu einem halböffentlichen Treffpunkt, an dem man sich austauschte, spielte und gemeinsam Zeit verbrachte.

Karten-, Schach- und Würfelspiele erfreuten sich großer Beliebtheit. Dafür gab es eigens gefertigte Spieltische, die sich durch ihre raffinierte und platzsparende Bauweise auszeichneten. Sie boten den Gästen einen festen Platz für lange Gespräche, spannende Partien und ein gutes Glas Wein. Heute zählen originale Spieltische aus dieser Zeit zu den begehrten Sammlerstücken des Biedermeiers.

Deshalb erschien es mir nur naheliegend, auch den Spieltisch in mein Kipper-Deck aufzunehmen. Auf der Karte begegnen sich viele der bereits bekannten Figuren: die männliche Hauptperson, der Gute Herr und weitere Gäste. Die Damen beobachten das Geschehen aus dem Hintergrund. Doch wo gespielt wird, ist nicht immer alles ehrlich. Deshalb schleichen sich auch die „Falsche Person“ aus Karte Nr. 8 und der „Dieb“ aus Karte Nr. 24 unbemerkt aus der Tür – ein kleines Detail, das aufmerksame Betrachter entdecken können.

Während die klassischen Kipperkarten viele Bereiche des häuslichen Lebens zeigen, fehlte bislang ein Ort, an dem Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten ungezwungen zusammentreffen konnten. Während die Karte Nr. 4 „Zusammenkunft“ gesellschaftliche Begegnungen beschreibt und die Karte Nr. 42 „Marktplatz“ für das öffentliche Leben steht, widmet sich der „Spieltisch“ der Geselligkeit im kleinen Kreis. Genau diese Lücke wollte ich schließen.

Die Karte „Spieltisch“ steht für Geselligkeit, Unterhaltung und gemeinsame Stunden außerhalb des Alltags. Sie weist auf Begegnungen, Freizeit und Vergnügen hin, mahnt aber zugleich, sich nicht zu Leichtsinn oder unnötigen Risiken verleiten zu lassen.

Kipperkarte Nr. 44 Orangerie

Eigentlich kamen die Orangerien während der Biedermeierzeit bereits langsam aus der Mode. Ursprünglich dienten sie vor allem der Überwinterung empfindlicher Zitruspflanzen und exotischer Gewächse. Mit dem Erstarken des Bürgertums entstanden jedoch immer mehr private Gärten und kleinere Gewächshäuser, sodass die großen Orangerien nach und nach an Bedeutung verloren.

Dennoch übten sie weiterhin eine besondere Faszination aus. Sie waren nicht nur ein Ort prachtvoller Pflanzen, sondern zugleich ein Sinnbild für Muße, Schönheit und die enge Verbindung des Menschen mit der Natur.

Ursprünglich trug diese Karte den Arbeitstitel „Romantische Naturphilosophie“. Dieser Begriff erschien mir später jedoch zu abstrakt, so dass ich ihn wieder verworfen habe. Der dahinterstehende Gedanke blieb dennoch erhalten: Während die Naturwissenschaften im Biedermeier einen bedeutenden Aufschwung erlebten und insbesondere die Botanik als vornehme Beschäftigung galt, wirkte die romantische Naturphilosophie als geistiger Hintergrund weiter. Man las Goethe und Novalis und war mit der Vorstellung einer „beseelten Natur“ vertraut.

Auch die Blumensprache spielte im Biedermeier eine wichtige Rolle. Blumen galten als stilles Kommunikationsmittel, mit dem Gefühle und Botschaften ausgedrückt werden konnten, die man nicht offen aussprach. So stand die Rose für Liebe, das Vergissmeinnicht für Treue und Erinnerung, der Efeu für Beständigkeit und Unsterblichkeit. Wer sich näher dafür interessiert, findet auf meiner Website einen eigenen Beitrag über die Symbolik der Blumen im Biedermeier.

Die Karte „Orangerie“ steht deshalb für Lebensfreude, Muße und die schönen Dinge des Lebens. Sie lädt dazu ein, sich bewusst Zeit für Erholung, Inspiration und persönliche Entwicklung zu nehmen. Gleichzeitig erinnert sie daran, dass alles miteinander verbunden ist und sich Schönheit oft dort entdecken lässt, wo wir achtsam hinschauen.

Während die Karte Nr. 37 „Wald“ die Natur in ihrer ursprünglichen Form sowie Rückzug, Regeneration und Gesundheit symbolisiert, zeigt die „Orangerie“ die vom Menschen gepflegte Natur – einen Ort der Kultivierung, der Ruhe und des bewussten Genießens.

Kipperkarte Nr. 45 Studierzimmer

Auch wenn der Begriff „Biedermeier“ lange Zeit als Synonym für Kleingeistigkeit und Spießbürgertum verwendet wurde, sollte eines nicht unterschätzt werden: der große Hunger nach Bildung und Wissen, der sich vor allem in den eigenen vier Wänden entfaltete. Nicht ohne Grund gehörte in vielen bürgerlichen Haushalten ein eigenes Studierzimmer zur Einrichtung – etwas, das heute fast schon selten geworden ist.

Sein Mittelpunkt war meist ein Sekretär. Diese eleganten Möbelstücke aus edlen Hölzern oder mit hochwertigem Lack dienten zunächst als geschlossener Schrank. Wurde die Schreibplatte heruntergeklappt, entstand eine praktische Arbeitsfläche. Zahlreiche kleine Fächer und Schubladen boten Platz für Briefe, Dokumente und Schreibutensilien. Hier wurde gelesen, geschrieben, nachgedacht und gearbeitet.

Ursprünglich hatte ich über eine Karte „Atelier“ nachgedacht, denn auch Kunst und Kreativität spielten im Biedermeier eine bedeutende Rolle. Doch ein Atelier beschreibt nur einen Teil dieser Welt. Das Studierzimmer hingegen vereint vieles in sich: Es ist der Raum des Lesens und Schreibens, des Forschens und Lernens, der Kunst und der Wissenschaft – kurz: der geistigen Entwicklung.

Während die Karte Nr. 7 „Angenehmer Brief“ für Nachrichten und Schriftstücke des Alltags steht und die Nr. 42 „Marktplatz“ den Austausch von Informationen beschreibt, widmet sich das „Studierzimmer“ dem vertieften Wissen. Es steht für Bildung, Weiterbildung, konzentriertes Arbeiten, Forschung und wichtige Lernprozesse. Gleichzeitig erinnert die Karte daran, dass wahres Wissen Zeit, Geduld und die Bereitschaft erfordert, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Lebens(t)räume

Ich hoffe, dass sich die Zusatzkarten harmonisch in das klassische Kipper-Deck einfügen und ebenso viel Freude bereiten wie die ursprünglichen 36 Karten. Und natürlich sollen sie auch das Deutungsspektrum erweitern. Ob mir das gelungen ist, mögen letztlich die Leserinnen und Leser sowie die Kartenleger selbst entscheiden.

Am Ende ist mir noch etwas bewusst geworden.

Die neun Zusatzkarten beschreiben nicht nur neue Lebensräume, die in den klassischen Kipperkarten bislang fehlten. Jeder dieser Orte erzählt zugleich von einem Lebenstraum. Denn jeder Traum braucht einen Raum, in dem er wachsen kann. Und manchmal genügt schon ein einziges Bild auf einer Karte, um uns daran zu erinnern, wonach wir uns im Innersten sehnen.

Der Wald steht für den Wunsch nach Ruhe. Der Sternenhimmel für Sinn und Orientierung. Der Vormärz für Freiheit und Erneuerung. Der Wegweiser für die Suche nach dem richtigen Weg. Die Enge Gasse für die Hoffnung auf einen Ausweg. Der Marktplatz für Begegnung und Austausch. Der Spieltisch für den gemeinschaftlichen Spaß. Die Orangerie für Schönheit und Muße. Das Studierzimmer für Wissen und geistige Entwicklung.

Und welche Karte ist dein Lebens(t)raum? Schreib mir einfach: susanne@tarot-germany.com

Weiterführende Links:

Hier gibt es noch mehr über die Kipper-Symbolik und die Biedermeierzeit

Nietzsche und die „Generation Vormärz

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